Friedrich Kittler, “Im Kielwasser der Odyssee”/”In the Wake of the Odyssey”
Thursday 28 June, 19:00 CET
Senatssaal of Humboldt University
Unter den Linden 6
10117 Berlin
GERMANY
Sponsored by:
The Mosse Foundation
Daimler-Fonds im Stifterverband für die deutsche Wissenschaft
Preussische Seehandlung
Humboldt University
Institut für deutsche Literatur
Mosse Lectures

Description: Der Vortrag sucht an vier Gestaltungen der Odysseus-Sage zu zeigen, daß sich Raum und Erfahrung im Abendland als immer vertieftere Rückkehr zu den Griechen vollziehen. Die Griechen haben um -800 ein nordsemitisches Konsonantenalphabet übernommen, mußten aber, um Hexameter schreiben zu können, fünf Zeichen zu Vokalen umfunktionieren. Deshalb läßt sich die „Ilias“ als Sage vom Fall Troias (-1200) bis heute lesen; deshalb gibt es seit Homer überhaupt Dichtung. Die Irrfahrten des Odysseus (im Gegensatz zu seiner trojanischen Kriegslist) spielen dagegen kurz vor der griechischen Besiedlung Süditaliens (-775), als um -800. Der Held begegnet Ungeheuern und göttlichen Frauen, deren namenlose Inseln oder Küsten erst Hesiod um -700 mit Eigennamen beschenken wird: Vom Monte Circeo über Capri und die Straße von Messina nach Sizilien zeichnen sich Italiens Umrisse ab. Insofern segeln die Griechen, die den Raum von Cumae bis Syrakus mit Städten besiedeln und Italien ihr Alphabet bringen, im Kielwasser der Odyssee. Mit der römischen Eroberung Italiens und Griechenlands kehren sich im entdeckten und benannten Mittelmeer die Vorzeichen um. Vergils Aeneas überlebt als einziger den Untergang Troias, segelt im Kielwasser der Odyssee über Afrika nach Italien und empfängt aus dem Mund ausgerechnet der cumaeischen Sybille den Befehl, alle italischen Feinde Roms zu unterwerfen, damit seine Nachkommen bis auf Augustus dann den ganzen Mittelmeerraum (einschließlich Karthago und Hellas) zum mare nostrum einen können. Der einzige Preis, den das Imperium Romanum dafür zahlen muß, ist die Aufgabe des Griechischen, das in einer Latinisierung untergeht. Die einzigen Waffen, mit denen die Weltherrschaft errungen wird, sind (wie Vergil nur in Metaphern uns verrät) technologische Importe: eine Kriegsflotte nach punischem Modell und Belagerungsmaschinen, wie von den letzten Pythagoreern – Archytas und Archimedes – erfunden worden! Wenn Dante im Inferno, dessen Topographie er nicht aus der Odyssee, sondern von seinem Führer Vergil übernommen hat, auf Odysseus trifft, muß daher Vergil für ihn dolmetschen. Der Dichter der Commedia (1318) kann selbst kein Griechisch mehr. Nur so läßt sich auf Italienisch reimen und schreiben, worin der römisch-christliche Okzident die Antike überschreitet. Dantes Ulysse – diese etruskische Form des Namens – ist wagemutig und experimentierfreudig genug, von Gaeta (Monte Circeo) aus das mare nostrum zu verlassen. Er segelt in den tropischen Atlantik, wo die Stürme Afrikas Schiff und Mannschaft verschlingen. Eben aus diesem Scheitern der Heiden, deren Sprachen sich langsam verlieren, gehen europäische Literatur und Neue Welt hervor. Kubricks Odyssee 2001 spielt zwar in dieser Neuen Welt, in Raumschiffen der USA, ist aber in merry old England gedreht und verwendet nur eurasische Musik. An die Stelle des Gesangs treten überlange Medien: Filmepos und Symphonie. Die Kybernetik geht von Segelschiffen auf zwei Cybernauten über, die Kriegsmaschine auf eine Turingmaschine, den Computer HAL als Kryptogramm der IBM. Der Logos inkarniert sich also – streng nach William Burroughs – außerhalb der Erde oder Menschheit als pythagoreisch reiner Virus oder Monolith, was alle Heimkehren nach Ithaka zur Aporie macht. Der letzte Astronaut, der überlebt, durchläuft ein Möbiusband und keinen Kreis. Die Medien (künden alle diese Odysseen), ob Alphabete, Schiffe oder Binärcodes, sind in Menschenhand zwar Waffen, nie aber bloße Werkzeuge.
Friedrich Kittler: Kittler (1943-2011) was professor for Media Aesthetics and History at the Humboldt University, Berlin. He was a central figure in the development of media theory and media history. He former served as Assistant Professor in German at the University of Freiburg. In 1993 he received the Siemens Media Arts Prize for his research. Kittler was known for his belief that technology, not human beings, creates meaning.