2008: Peter Weibel (1944-2023), “Das Mögliche ist dem Realen eingeschrieben – Von der guten Form zu virtuellen Formen”/”The possible is Inscribed in the Real: From Good Form to Virtual Forms”
Peter Weibel (1944-2023), “Das Mögliche ist dem Realen eingeschrieben – Von der guten Form zu virtuellen Formen”/”The possible is Inscribed in the Real: From Good Form to Virtual Forms”
Berlin Mosse Lecture
https://mosselectures.wisc.edu/berlin/
Thursday, 4 April 2008, 19:00 CET



Senatssaal of Humboldt University
Unter den Linden 6
1. Stock
10117 Berlin
GERMAN
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Humboldt University Institut für deutsche Literatur
Lecture Description: Robert Musil hat in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften geschrieben: „So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“ Die Welt ist also nicht nur alles, was der Fall ist, wie Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (1921) behauptete, sondern die Welt ist auch, was nicht der Fall ist. Für diese Welt entwickeln wir den Möglichkeitssinn, der aber keineswegs vom Wirklichkeitssinn losgelöst, sondern im Gegenteil, nur eine Weiterentwicklung des Wirklichkeitssinns ist. Diese Auffassung wird unterstützt durch die Kunst, die uns immer wieder durch die Erfindung von Formen überrascht, die es vorher nicht gegeben hat, aber offensichtlich aus der Realität herleitbar sind. Alle Formen sind in Wirklichkeit Möglichkeitsformen und einige werden bevorzugt durch eine evolutionäre Lotterie und werden dadurch zu realen Formen. Die Kunst korrigiert die Evolution und deren verengende Selektionsmechanismen. „Das Prinzip der Kunst ist unaufhörliche Variation“, schreibt Musil. Die Kunst zeigt uns gewissermaßen die Werte der Variablen als Variationen; sie zeigt uns die Welt-geschichte als Variationen des Möglichen.
Lecture Series Description: „Utopia as a disposition carries the heavy burden of the past and the even heavier burden of the future.“ Robert Musil counters with his „sense of potentiality“, „the as yet unborn potential realities“, „a thread that one pulls through the water without knowing whether any bait is attached to the end“. This lightness of being is as indispensible to life as it is seductive.
How much weight then can art and literatur carry? How real is their sense of potentiality 100 years after Kakania? How acute is their knowledge about [or simply: how aware are they of] their dependence on media and their institutional frameworks? Can they conserve and renew their ability to differentiate? What happens to the possibilities of playfulness in human narratives when the virtual realities of technological media define the sense of potentiality?

Halifax, New York, künstlerischer Leiter der Ars Electronica, des Landesmuseums in Graz, der
Biennale von Sevilla Biacs3 (2008), Österreichs Kommissär der Biennale von Venedig (1993-
1999). In den 1980/1990iger Jahren war er Direktor des Instituts für Neue Medien an der Städelschule und Professor für visuelle Mediengestaltung in Wien. Seit 1999 Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe. Aktuell ist die u.a. von ihm kuratierte Ausstellung Notation. Kalkül und Form in den Künsten in der Akademie der Künste in Berlin zu sehen. Zahlreiche Publikationen, darunter Iconoclash. Beyond the Image: Wars in Science, Religion, and Art (hg. zus. mit Bruno Latour/2002); M_ARS, Kunst und Krieg (hg. zus. mit Günther Holler-Schuster/ 2003); Making Things Public. Atmospheres of Democracy (hg. zus. mit Bruno Latour/ 2005); das offene werk 1964-1979 (2007).
