Peter Weibel, “Das Mögliche ist dem Realen eingeschrieben – Von der guten Form zu virtuellen Formen”/”The possible is Inscribed in the Real: From Good Form to Virtual Forms”
Thursday 4 April, 19:00 CET
Senatssaal of Humboldt University
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Mosse Lectures

Description: Robert Musil hat in seinem Roman Der Mann ohne Eigenschaften geschrieben: „So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“ Die Welt ist also nicht nur alles, was der Fall ist, wie Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (1921) behauptete, sondern die Welt ist auch, was nicht der Fall ist. Für diese Welt entwickeln wir den Möglichkeitssinn, der aber keineswegs vom Wirklichkeitssinn losgelöst, sondern im Gegenteil, nur eine Weiterentwicklung des Wirklichkeitssinns ist. Diese Auffassung wird unterstützt durch die Kunst, die uns immer wieder durch die Erfindung von Formen überrascht, die es vorher nicht gegeben hat, aber offensichtlich aus der Realität herleitbar sind. Alle Formen sind in Wirklichkeit Möglichkeitsformen und einige werden bevorzugt durch eine evolutionäre Lotterie und werden dadurch zu realen Formen. Die Kunst korrigiert die Evolution und deren verengende Selektionsmechanismen. „Das Prinzip der Kunst ist unaufhörliche Variation“, schreibt Musil. Die Kunst zeigt uns gewissermaßen die Werte der Variablen als Variationen; sie zeigt uns die Welt-geschichte als Variationen des Möglichen.
Peter Weibel: Austrian artist, curator, and media theorist (1944-2023)