2022: Norbert Scheuer, “Kleine Flüsse, große Fluten. Szenen vom Hochwasser in der Eifel” / “Small Rivers, Big Floods: Scenes from the Floods in the Eifel”

Norbert Scheuer, “Kleine Flüsse, große Fluten. Szenen vom Hochwasser in der Eifel” / “Small Rivers, Big Floods: Scenes from the Floods in the Eifel”

Humboldt University Berlin Mosse Lecture
mosselectures.wisc.edu/berlin/

Thursday, 30 June 2022, 19:15 CET

Welt im Fluss  Plakat
Welt im Fluss flyer
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Senatssaal of Humboldt University
Unter den Linden 6

1. Stock
10117 Berlin
GERMANY

Moderator: Ulrike Vedder (Humboldt University)

Sponsored by:
[mosse] LECTURES an der humboldt-universität zu berlin
The Mosse Foundation
Global Mosse Lecture Series
Institut für deutsche Literatur
Humboldt University

Lecture Description: Die Überflutungen in Nordrhein-Westfalen 2021 verheerten auch die Heimat des Autors Norbert Scheuer. Schon zuvor hatte er Flüsse thematisiert und Überschwemmungen literarisch aufgegriffen, aus der Distanz von erzählten Erlebnissen. Nun wurde er Augenzeuge der Verwüstungen der Gemeinde Kall, dem zentralen Schauplatz der Werke des „Romancier der Eifel“. In der Reihe „Die Welt im Fluss“ der Mosse Lectures spricht Scheuer darüber, wie er die Zerstörungen erlebte und welche Bedeutung sie für ihn und sein Werk haben: Wie plötzlich und unerwartet Dörfer und kleine Städte in den Wassermassen verschwinden, vom Schicksal der Menschen in Überschwemmungsgebieten sowie über die Unbeherrschbarkeit, Grausamkeit und Schönheit der kleinen und großen mäandernden Flüsse, aus denen irgendwie all unsere Mythen und Gedichte entspringen.

Lecture Series Theme: Welt im Fluss/World in River, World in Flux

Lecture Series Description: Flüsse sind Schauplätze von Zivilisationsbildung, nationalen Identitätsordnungen und kriegerischen Konflikten, sie sind fließende Erinnerungs- und Projektionsräume sowie hochfrequentierte Handelswege. Sie fungieren als „natürliche“ Grenzen zwischen Staaten und verbinden diese zugleich, weshalb sie seit je als Migrations- und Fluchtwege genutzt werden. Die bis heute währenden Streitigkeiten der Anrainerstaaten Sudan, Ägypten und Äthiopien um den Nil und sein Wasservorkommen, in denen wirtschaftliche Interessen, koloniale Erblasten, aber auch die Herausforderungen des Klimawandels zusammentreffen, sind nur eines von vielen Beispielen für den politischen Druck, dem Flüsse ausgesetzt sind.

Hinzu kommt der ganz konkrete Nutzungsdruck, der durch regulierende wasserbauliche Eingriffe entsteht und von Umweltschützer:innen zunehmend problematisiert wird. An Flüssen lassen sich die Ausmaße des Anthropozäns gut studieren. Flutkatastrophen wie das 2021 geschehene Hochwasser im Ahrtal zeigen, dass es längst nicht nur die großen Ströme, sondern auch deren lokale Verzweigungen sind, die zu Brennpunkten globaler Krisen werden. Die Indienstnahme von Flüssen als politische Grenzzonen kann aber auch zur Entstehung weitgehend unberührter Biosphären beitragen – wie etwa an den Flussauen der Elbe, dem einstigen „Todesstreifen“ der innerdeutschen Grenze, dessen vermintes Gelände ironischerweise ökologische Vielfalt entfalten konnte. Menschen, Flüsse und deren (Evolutions-)Geschichten stehen in Austauschbeziehungen, die erst in Ansätzen erschlossen sind.

Seit je hat die kollektive Einbildungskraft die Flüsse zu Orten der Passage, des Übergangs (ins Jenseitsreich) oder der Initiation (z.B. Taufe) gemacht, Quelle, Flusslauf, Ufer und Mündung in Lebenssymbole verwandelt, den Gewässern Flussgötter, Elementargeister und Nixen zugeordnet. Das Austrocknen und die Überschwemmung als Katastrophenmodi der Flüsse verbinden die aktuellen ökologischen Debatten mit den Mythologien der Flüsse. Ziel der Mosse Lectures im Sommersemester 2022 ist es, das Nachdenken über die raumstrukturierende Dimension der Flüsse, über ihre geographische, geopolitische, wirtschaftshistorische und ökologische Bedeutung mit ihrer Reflexion als Ressource der Selbstdeutung vormoderner und moderner Gesellschaft zu verbinden.

Rivers are the settings of the formation of civilizations, national identity orders and war conflicts; they are flowing spaces of memory, places of longing, and highly frequented trade routes. They function as “natural” borders between states and connect them at the same time, which is why they have always been used as migration and refugee routes. As such, the world’s rivers are important geopolitical spaces. The currently renewed disputes between the riparian states of Sudan, Egypt, and Ethiopia over the Nile and its water resources, in which economic interests, colonial legacies, but also the challenges of climate change converge, are just one of many examples of the political pressure to which rivers are exposed.

In addition, there is the very concrete pressure to exploit rivers that arises from regulating hydraulic interventions, which is being increasingly criticized by environmentalists. Rivers demonstrate the effects of the Anthropocene. Flood catastrophes such as the recent flood in Germany’s Ahr Valley clearly show that it is not only the major rivers but also their local branches that have long since become focal points of global crises. Yet the fact that the political use of rivers as border zones can also contribute to the creation of largely untouched biospheres is demonstrated by the floodplains of the Elbe, which, as peripheral landscapes, have been able to develop ecological diversity. People, rivers, and their (evolutionary) histories are in relationships of exchange that are only beginning to be explored.

The collective power of imagination has always made rivers places of passing, transition (into the realm of the beyond), or initiation (baptism) as well as transformed the source, course, banks, and mouth of the river into symbols of life, and assigned river gods, elemental spirits, and mermaids to them. The drying up and flooding of rivers as their catastrophic modes connect current ecological debates with the mythologies of rivers. In the summer semester of 2022, the Mosse Lectures will aim to combine a reflection on the spatially structuring dimension of rivers, on their geographical, geopolitical, economic–historical and ecological significance with a reflection on rivers as a resource for the self-interpretation of premodern and modern society.

Photo credit: Niels Leiser for the Mosse Lectures

Norbert Scheuer: German author who has written numerous novels, short stories, and poems, including Winterbienen (2019) and Flußabwärts (2002). He works as an IT system programmer.

Professor of modern German literature at Humboldt University, Berlin, since 2009, Ulrike Vedder studies contemporary literature, gender studies, generations, and near-death experiences. Among other works, she is the author of Geschickte Liebe. Zur Mediengeschichte des Liebesdiskurses im Briefroman „Les Liaisons dangereuses“ und in der Gegenwartsliteratur (2002) and editor of Gender und Genre. Essayistik deutschsprachiger Autorinnen (2025). She also serves on the editorial board of Zeitschrift für Germanistik.

Professor of modern German literature at Humboldt University, Berlin, since 2009, Ulrike Vedder studies contemporary literature, gender studies, generations, and near-death experiences. Among other works, she is the author of Geschickte Liebe. Zur Mediengeschichte des Liebesdiskurses im Briefroman „Les Liaisons dangereuses“ und in der Gegenwartsliteratur (2002) and editor of Gender und Genre. Essayistik deutschsprachiger Autorinnen (2025). She also serves on the editorial board of Zeitschrift für Germanistik.

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