2023: Marcel Beyer: “Die Stimme bleibt fremd. Die Stimme bleibt in Bewegung. Bis Gütersloh” / “The Voice Remains Foreign: The Voice Keeps Moving. To Gütersloh”
Marcel Beyer, “Die Stimme bleibt fremd. Die Stimme bleibt in Bewegung. Bis Gütersloh” / “The Voice Remains Foreign: The Voice Keeps Moving. To Gütersloh”
Humboldt University Berlin Mosse Lecture
mosselectures.wisc.edu/berlin/
Thursday, 19 January 2023, 19:15 CET



Auditorium of Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum
Geschwister-Scholl-Str. 1/3
10117 Berlin
GERMANY
Sponsored by:
[mosse] LECTURES an der humboldt-universität zu berlin
The Mosse Foundation
Global Mosse Lecture Series
Institut für deutsche Literatur
Humboldt University
Moderator: Lothar Müller (Humboldt University)
Lecture Description: Im Jahr 1877 macht der Phonograph die Stimme unabhängig von ihrer Quelle, dem menschlichen Körper. Stimmen beginnen zu reisen, sie reisen weiter und intensiver, als es Menschen bis heute tun. Sie reisen ihren Quellen voraus, mitunter ist es, als wären sie Vorboten der körperlichen Präsenz: Erst erreicht die Stimme von Elvis Presley Westdeutschland, dann trifft er selbst am 1. Oktober 1958 in Bremerhaven ein. Und eine Stimme reist noch lange umher, nachdem der Mensch, dem sie gehörte, auf einer Reise den Tod gefunden hat wie etwa der serbische Sänger Šaban Šaulić im Februar 2019 bei der Rückfahrt von einem Auftritt auf der A2 bei Gütersloh.
Lecture Series Theme: “Nach der Stimme. Simulationen vokaler Authentizität”‘/”The Digital Voice. Simulations of Vocal Authenticity”
Lectures Series Description: Die Stimme gilt – neben Gesicht, Fingerabdruck und DNA – als untrüglicher Ausweis der Identität und Singularität eines Individuums. Vor Gericht werden Tonaufnahmen als beweiskräftiges Spurenmaterial herangezogen. In den (sozialen) Medien wird die Stimme eingesetzt, um für die Authentizität der Sprecher:innen zu bürgen. Ihre einzigartige Prosodie, ihre spontane, ephemere und brüchige Performanz erzeugen eine Nähe und Intimität, mit denen selbst das Gesicht nicht mithalten kann. In Zeiten von Fake News und einer permanent sich aufdrängenden effekthascherischen Bilderwelt verspricht die Stimme Unverfälschtheit, Nahbarkeit und Tiefe. Die Dimension der Tiefe beanspruchen derweil auch jene Software-Programme für sich, die das Authentizitätsversprechen der Stimme in ihren Grundfesten erschüttern: Mit KI-generierten Deep Fake Voices können Stimmen „geklont“ und Personen Sätze in den Mund gelegt werden, die sie niemals gesagt haben. Die Mosse Lectures wollen einerseits nach den historischen Vorläufern und ästhetischen Vorwegnahmen jener digitalen Stimmsimulationen fragen: An welche Geschichte der Stimm- und Sprachsynthese knüpfen Deep Fake Voices an und wie wurden sie erzählerisch antizipiert – von Johannes Keplers Traum einer künstlich imitierbaren Stimme (Somnium sive astronomia lunaris, 1634) bis hin zu Andres Veiels Fernsehfilm Ökozid (2020), einem Vorausblick auf die politischen Folgen manipulierter Stimm- und Videoaufzeichnungen? Der Blick zurück offenbart das enorme poetische Potential der Stimmsimulation, das nicht zuletzt auch die Geschichte der Gesangs- und Schauspielkunst entscheidend geprägt hat. Andererseits gilt es perspektivisch die Konsequenzen jener Entwicklungen zu diskutieren. Inwiefern können Deep Fake Voices jenen ihre Stimme zurückgeben, die sie durch Krankheit oder Unfall verloren haben? Welche poetologischen und urheberrechtlichen Fragen werfen die Aneignung und Neuzusammensetzung von Stimmen auf? Welche juristischen Implikationen sind mit der schwindenden Zuverlässigkeit der Stimme als Beweismaterial verbunden? Wie verhalten sich digital simulierte Stimmen zu aktuellen emotionspsychologischen Befunden, die Stimme könne weniger gut lügen als das Gesicht? Was macht es mit uns, wenn wir der Stimme nicht (mehr) trauen können – in alltäglichen Kommunikationssituationen, aber auch in politischen Zusammenhängen?
Along with the face, fingerprints and DNA, the voice is considered unmistakable proof of the identity and singularity of an individual and is used under certain conditions in court and sound recordings as evidence. The voice is also used in (social) media to authenticate the speaker. Its unique prosody and spontaneous, ephemeral and fragile performance create a closeness and intimacy that even the face cannot match. In times of fake news, but also of a permanently imposing, gimmicky world of images in which the manipulation of visual media has long since become standard, the voice promises closeness, authenticity and depth. The software programs that have been shaking the very foundations of the voice’s promise of authenticity for some years now also work with the dimension of depth. Deep Fake Voices can be used to put sentences into people’s mouths that they have never said. For one thing, the Mosse Lectures want to ask about the historical precursors and aesthetic anticipations of those digital voice simulations. What history of voice and speech synthesis do Deep Fake Voices tie into and how were they narratively anticipated – from Johannes Kepler’s dream of an artificially imitable voice (Somnium sive astronomia lunaris, 1634) to Andres Veiel’s Ökozid (2020), a cinematic foresight into the political consequences of manipulated voice and video recordings? A look back reveals the enormous poetic potential of voice simulation, which has also had a decisive influence on the history of the art of singing and acting. Furthermore, it is important to discuss the consequences of the current developments in voice simulation. To what extent can Deep Fake Voices give their voice back to those who have lost it, for example through illness or accident? What copyright issues do the appropriation and recomposition of voices raise? What are the legal implications of the diminishing reliability of the voice as evidence and the use of Deep Fake Voices for criminal purposes? How do digitally simulated voices relate to current findings in emotional psychology that the voice is less capable of lying than the face? What does it do to us when we can no longer trust the voice – in everyday communication situations, but also in political contexts?
















Photo credit: Niels Leiser for the Mosse Lectures
Marcel Beyer: An award-winning German writer, editor, and translator. Among many other works, he is the author of the novel The Karnau Tapes (Flughunde) and Falsches Futter, a collection of poems.
Schriftsteller, Herausgeber und Musikkritiker; Beyers literarisches Werk wurde vielfach ausgezeichnet, darunter 2016 mit dem renommierten Georg-Büchner-Preis; viele seiner Schriften eint die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und den Möglichkeiten ihrer poetischen Verarbeitung; häufig fällt dabei der menschlichen Stimme sowie dem Akustischen im Allgemeinen eine große Bedeutung zu – so u.a. in dem Roman »Flughunde« (1995), der von den Tonaufzeichnungen eines Akustikers und Stimmforschers während der NS-Zeit erzählt; Tondokumente als Zeitzeugen und gleichzeitig Akteure einer Jetztzeit spielen auch in dem Gedichtband »Falsches Futter« (1997) sowie der Essay-Sammlung »Das blindgeweinte Jahrhundert. Bild und Ton« (2017) eine Rolle; zuletzt erschien der Gedichtband »Dämonenräumdienst« (2020).
Lothar Müller has worked as an editor for the Frankfurter Allgemeine Zeitung and the Süddeutsche Zeitung, and lectured at the Institute for Comparative Literature at the Free University. Since 2010, he has served as Honorary Professor in the Institute for German Literature at the Humboldt University Berlin. He is the author of numerous publications, including Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt (2021) and Weiße Magie. Die Epoche des Papiers (2012). He was awarded the Berlin Prize for Literary Criticism in 2013.
