2023: Charlotte Bigg, “Der Himmel auf Erden. Zur Geschichte der Sichtbarmachung und Medialisierung des Universums” / “Heaven on Earth: On the History of the Visualization and Medialization of the Universe”

Charlotte Bigg, “Der Himmel auf Erden. Zur Geschichte der Sichtbarmachung und Medialisierung des Universums” / “Heaven on Earth: On the History of the Visualization and Medialization of the Universe”

Humboldt University Berlin Mosse Lecture
mosselectures.wisc.edu/berlin/

Thursday, 20 April 2023, 19:15 CET

Across the Universe Plakat
Across the Universe flyer
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Auditorium of Tieranatomisches Theater
Philippstraße 13 (Campus Nord, House 3)
10115 Berlin
GERMANY

Sponsored by:
[mosse] LECTURES an der humboldt-universität zu berlin
The Mosse Foundation
Global Mosse Lecture Series
Institut für deutsche Literatur
Humboldt University
arsenal institute für film und videokunst e.V.
Bundesministeriums für Bildung und Forschung

Moderator: Lothar Müller (Humboldt University)
Respondent: Hans-Christian von Herrmann (TU Berlin)

Lecture Description: Seit jeher bevorzugtes Objekt und Projektionsfläche des religiösen, philosophischen oder künstlerischen Denkens wird das Universum seit Langem auch in der von der Erde aus sichtbaren Form des bestirnten Himmels von Astronomen beobachtet und vermessen. Für menschliche Gesellschaften gilt dieser als wichtiges Orientierungsmittel in Zeit und Raum, ob zur Ausübung von Ritualen, für die Seefahrt oder die Landwirtschaft. Die in der Mitte des 19. Jahrhunderts dank der Entwicklung einer Reihe neuer Instrumente vorangetriebene Entstehung der Astrophysik und später der Kosmologie führte zu ganz neuen Sichtweisen. Spätestens seit dieser Zeit weisen Bilder des Universums vielfache Wechselwirkungen mit zeitgenössischen populären und medialen Kulturen nach. Die Verflechtung wissenschaftlicher Sichtbarmachung und publikumswirksamer Medialisierung bestimmt im Wesentlichen, wie uns heutzutage das Universum erscheint. Wunderbare und rätselhafte Bilder von Exoplaneten, schwarzen Löchern oder entfernten Nebeln werden mittels immer ausgefeilteren Techniken erzeugt, die den Ursprung des Universums und des Lebens zu erläutern versprechen, während gleichzeitig die Sterne unserer zunehmend helleren Himmel allmählich verschwinden.

Lecture Series Theme: Across the Universe. Aktuelle Blicke ins All/Across the Universe: Current Views into Space

Lecture Series Description: Der Blick ins Weltall ist so alt wie die Menschheit. Geändert haben sich die Techniken, Interessen und Fragestellungen, welche mit diesem Blick verbunden sind. Die globalen ökologischen, sozialen und pandemischen Krisen, mit denen wir aktuell konfrontiert sind, schärfen das Bewusstsein für das Ganze und verleihen der Frage nach dem Verhältnis des Menschen zum Universum eine neue Dringlichkeit. Gegenwärtige Blicke ins All sind sehr vielfältig motiviert; sie stehen im Zeichen wissenschaftlicher Erschließung und politischer Vormachtstellung, dienen ökonomischen Interessen und sind Ausdruck kultureller Ängste, aber auch Visionen des Welt- als postapokalyptischen Lebensraums. Gemeinsam ist ihnen ihre reflexive Struktur. Das gilt für „den bestirnten Himmel über uns“ [Kant] als grundlegende Metapher der neuzeitlichen Philosophie ebenso wie für die enge Verknüpfung des ökologischen Denkens seit den 1960er Jahren mit dem ikonisch gewordenen Bild des „blauen Planeten“ aus der Astronautenperspektive.

Was wir über Planeten und deren Umlaufbahnen, über Raumfahrt, Satelliten und schwarze Löcher wissen, verdanken wir wissenschaftlichen, technischen und vor allem auch ästhetischen Vorstößen in eine nicht nur räumlich, sondern auch epistemisch schwer zugängliche Region. Ohne die in den 1960er Jahren begonnene TV-Serie ›Star Trek‹, Stanley Kubricks Film ›2001: A Space Odyssey‹ [1968] oder die TV-Übertragung der Mondlandung 1969 wäre das Weltall im öffentlichen Bewusstsein wohl nur halb so gut erschlossen.

Die Mosse Lectures möchten die Vermitteltheit und Popularisierung kosmologischen Wissens in den Blick nehmen und nach den Medien und Technologien fragen, mit denen das Universum über die Astrophysik hinaus ästhetisch, kognitiv und affektiv „besiedelt“ wird. Inwiefern werden die der Lebenswelt entrückten, oft unvorstellbaren Dimensionen des Weltalls zu Einsatzpunkten fiktionaler Zugänge? Auf welchen medialen, sprachlichen und ästhetischen Vermittlungsstrategien basiert die astrophysikalische Forschung selbst (historisch und gegenwärtig)? Können künstlerische Bearbeitungen des Universums als Thema dessen grundsätzliche Vermitteltheit, aber auch den Vermittlungsbedarf kosmologischen Wissens in besonderer Weise reflektieren? Wem gehört dieses Wissen eigentlich, und wie lässt sich das Verhältnis zwischen wissenschaftlicher Forschung und öffentlicher Teilhabe am Gegenstand der Kosmologie ausbuchstabieren?

The view into space is as old as mankind. What has changed are the techniques, interests and questions associated with this view. The global ecological, social and pandemic crises with which we are currently confronted sharpen our awareness of the whole and lend a new urgency to the question of our relationship towards the universe. Current glances into space are motivated in many different ways; they are driven by scientific exploration and political supremacy, serve economic interests and are an expression of cultural fears, but also visions of the world as a post-apocalyptic living space. What they have in common is their reflexive construction. This applies to »the starry sky above us« (Kant) as a fundamental metaphor of modern philosophy as well as to the close link between ecological thinking since the 1960s and the iconic image of the »blue planet« from an astronaut’s perspective.

What we know about planets and their orbits, about space travel, satellites and black holes, we owe to scientific, technical and above all aesthetic ventures into a space that is spatially and epistemically difficult to access. Without the TV series ›Star Trek‹, which began in the 1960s, Stanley Kubrick’s film ›2001: A Space Odyssey‹ [1968] or the TV broadcast of the moon landing in 1969, outer space would probably only be half as accessible in the public consciousness.

The Mosse Lectures would like to examine the mediatedness and popularisation of cosmological knowledge and ask about the media and technologies with which the universe is aesthetically, cognitively and affectively »colonised« beyond astrophysics. To what extent can fictional approaches help us imagine the often unimaginable dimensions of the universe? On which media, linguistic and aesthetic strategies of mediation is astrophysical research itself based (historically and currently)? Can artistic approaches to the universe reflect its fundamental mediated nature, but also the need to mediate cosmological knowledge in a special way? To whom does this knowledge actually belong, and how can the relationship between scientific research and public participation in the matter of cosmology be spelled out?

Photo credit: Niels Leiser for the Mosse Lectures

Charlotte Bigg: Research fellow at the Centre National de la Recherche Scientifique in Paris. Her research and writing has focused on the transnational social and cultural history of the sciences in the 19th and 20th centuries.

Wissenschaftshistorikerin, aktuell Forschungs- und Lehrtätigkeiten am Centre National de la Recherche Scientifique [CNRS] und der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris; zuvor wissenschaftliche Mitarbeiterin am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte und der ETH Zürich sowie Gast am ZfL; Biggs Forschungsinteresse gilt der Wissenschafts[kultur-]geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, hier insbesondere der Astronomie, Chemie und Physik; in ihren Publikationen setzt sie sich u. a. mit der Entwicklungsgeschichte von Forschungsinstrumenten und den Vermittlungskulturen wissenschaftlicher Erkenntnisse auseinander; derzeit arbeitet Bigg an einer Monographie über die enge Verflochtenheit der Astronomie- und Fotografiegeschichte.

Hans-Christian von Herrmann: Professor für Literaturwissenschaft, seit 2011 an der Technischen Universität Berlin; sein Forschungsinteresse gilt v.a. dem Beziehungsgeflecht zwischen Kunst, Technik und Wissenschaft sowie deren [historischen] Konkurrenz- und Synergieverhältnissen; von Herrmann publizierte umfangreich und epochenübergreifend zum Einfluss von Industrie- und Maschinenkultur auf Kunst, Literatur und Theater, über das Empirische philologischer Praktiken sowie zu den ›Bühnen des Wissens‹, wie etwa dem Planetarium; 2024 erscheint seine neueste Monographie »Technik und Poetik. Bertolt Brecht – ein Dichter der ›wissenschaftlichen Revolution‹«.

Lothar Müller has worked as an editor for the Frankfurter Allgemeine Zeitung and the Süddeutsche Zeitung, and lectured at the Institute for Comparative Literature at the Free University. Since 2010, he has served as Honorary Professor in the Institute for German Literature at the Humboldt University Berlin. He is the author of numerous publications, including Adrien Proust und sein Sohn Marcel. Beobachter der erkrankten Welt (2021) and Weiße Magie. Die Epoche des Papiers (2012). He was awarded the Berlin Prize for Literary Criticism in 2013.

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