2021: Barrie Kosky, “Die Gegenwart der Komödie” / “The Present of Comedy”

Barrie Kosky, “Die Gegenwart der Komödie” / “The Present of Comedy“

Humboldt University Berlin Mosse Lecture
mosselectures.wisc.edu/berlin/

Thursday, 9 December 2021, 19:15 CET

Mosse Theater Plakat
Mosse Theater FLyer
Mosse Theater FLyer


Senatssaal of Humboldt University
1. Stock
Unter den Linden 6
10117 Berlin
GERMANY

Sponsored by:
[mosse] LECTURES an der humboldt-universität zu berlin
The Mosse Foundation
Global Mosse Lecture Series
Institut für deutsche Literatur
Humboldt University

Moderator: Ethel Matala de Mazza (Humboldt University)

Lecture Description: Zum besonderen Profil der Komischen Oper Berlin gehört die Breite ihres Repertoires. Neben zeitlosen Klassikern der ernsten und der Buffa-Oper zählen dazu moderne Musicals, unter Barrie Koskys Intendanz jedoch auch totgesagte Unterhaltungsgenres wie die Operette oder das Vaudeville, mit denen Musikkomödien in der Behrenstraße während der letzten zehn Jahre auffallend präsent waren. Und unerwartet erfolgreich. Wie passen diese Boulevardstücke in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts? Und welche Seiten der Gegenwart lassen sich in solchen Komödien ausspielen? Brauchen sie den Aktualitätsbezug als Reservoir für Komik? Welche Folgen hatte während des Lockdowns das Ausweichen in den Stream für die Gestaltung des digitalen Spielplans? Ließ sich das Abstandsgebot zum Publikum für die mediale Re-Inszenierung von Live-Aufführungen gerade der Musikkomödien auch produktiv machen? Ethel Matala de Mazza spricht mit Barrie Kosky über sein Faible für das komische Theater abseits der Oper, über die Regiearbeit in Zeiten der Pandemie und über die Rückkehr zum Betrieb bei anwesendem Publikum in seiner letzten Spielzeit an der Komischen Oper als Intendant.

Lecture Series Theme: “Theater der Gegenwart”/”Staging the Present”

Lecture Series Description: Was Gegenwart ist und wie sie sich zeigt, wird spätestens seit der Wende zum 19. Jahrhundert kontrovers diskutiert. Den gemeinsamen Hintergrund moderner Gegenwartsreflexionen bildet die widersprüchliche Erfahrung einer angesichts zunehmender Beschleunigungs- und Innovationsprozesse „schrumpfenden Gegenwart“ (Hermann Lübbe), die zugleich „breiter“ (Hans Ulrich Gumbrecht) erscheint, insofern eben jene (digitalen) Innovationen, aber auch veränderte theoretische Perspektiven auf Geschichte die Simultanität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vor Augen führen. Die Ambivalenz einer schwindenden und zugleich sich ausdehnenden Gegenwart lässt sich auch für den räumlichen Bedeutungshorizont des Gegenwartsbegriffs festhalten. Gerade die Jahre 2020 und 2021 haben deutlich gemacht, dass wir in einer Zeit des eklatanten Anwesenheitsschwundes leben, wobei sich die Präsenz von Personen, Räumen und Gegenständen scheinbar nur mit einem Klick herstellen lässt. Mehr denn je hat sich Gegenwart darüber hinaus als etwas erwiesen, das nicht einfach da ist, sondern im Rahmen medialer, politischer, kultureller und sozialer Praktiken hergestellt und organisiert wird. Die Mosse Lectures wollen jene Performanz des Gegenwärtigen, aber auch gegenwärtige Performanzen genauer in den Blick nehmen: Welches sind die Schauplätze, an denen Aktualität und Präsenz zur Aufführung gelangen? Neben hochgradig performativen Settings wie dem Parlament, dem Gerichtssaal und dem Theaterraum selbst sind hier auch weniger offenkundige Bühnen, Transitzonen und digitale Kommunikationsräume angesprochen, in denen ganz neue Fragen und Formen der (flüchtigen) Anwesenheit aufgerufen werden. Während sich viele Theater bemühen, die Krisen der Gegenwart und ihre Akteure auf ihre großen und kleinen Bühnen zu holen, wird die Straße als politische Bühne wiederentdeckt und fusioniert die Performance mit den sozialen Netzwerken. Im Hinblick auf diese Vielfalt theatralischer Räume und theatralischer Praktiken erkunden die Mosse Lectures im WS 2021/22 die Selbstinszenierung der Gegenwart.

What the present is and how it manifests itself has been controversially discussed since at least the turn of the 19th century. The common background of modern reflections on the present consists in a paradoxical experience: Although increasing processes of acceleration and innovation create the impression of a “shrinking present” (Hermann Lübbe), it seems that the present at the same time becomes “broader” (Hans Ulrich Gumbrecht) insofar as precisely those (digital) innovations, but also new theoretical perspectives on history, demonstrate the simultaneity of past, present and future.

This ambivalence of a dwindling and at the same time expanding present also applies to the spatial dimension of the concept of present. The year 2020 in particular has made it clear that we live in an era of a of shrinking physical presence, whereas the virtual presence of people, spaces, and objects is seemingly just a click away. More than ever the present has proven to be something that is not simply there, but is produced and organized within the framework of media, political, cultural, and social practices. The Mosse Lectures intend to take a closer look at this performance of the present, but also at present performances: In which venues do topicality and presence come to performance? Along with highly performative settings such as the parliament, a courtroom, and the theater itself, less overt stages such as transit zones and spaces of digital communication are also addressed here, in which entirely new questions and forms of ephemeral presence are invoked. While many theaters strive to bring the crises of the present and their actors onto their large and small stages, the street is being rediscovered as a political stage, fusig performance with social networks. In light of this diversity of theatrical spaces and theatrical practices, the Mosse Lectures in theupcoming winter semester 2021/22 explore the self-staging of the present.

Photo credit: Niels Leiser for the Mosse Lectures

Barrie Kosky: Barrie Kosky ist ein deutsch-australischer Opern- und Theaterregisseur, seit 2012 Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper Berlin; Inszenierung zahlreicher Stücke an europäischen und australischen Theater- und Opernhäusern; häufige Auseinandersetzung mit jüdischer Identität und Kultur in vielen seiner Stücke, für die er mehrfach, u.a. mit dem Faustpreis und dem International Opera Award, ausgezeichnet wurde; aktuell ist u.a. seine Neuinszenierung von Kurt Weills Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny zu sehen.

Ethel Matala de Mazza has been professor of modern German literature at Humboldt University since 2010. She is the author of three monographs, including Der populäre Pakt. Verhandlungen der Moderne zwischen Operette und Feuilleton (Fischer, 2018) and Der verfaßte Körper. Zum Projekt einer organischen Gemeinschaft in der Politischen Romantik (Rombach, 1999). She has served as a visiting professor at Johns Hopkins University, the University of Indiana, Bloomington, and the University of California, Berkeley, Harvard University, and the University of Chicago. She received her terminal degree in German literature at the University of Munich in 2007.

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