2019: Maria Eichhorn and Sabeth Buchmann, “Gemeinschaftliche Kunstpraktiken im öffentlichen Raum: Das ‘Rose Valland Institut’ und andere Projekte” / “Community Art Practices in Public Space: The ‘Rose Valland Institute’ and Other Projects”

Maria Eichhorn and Sabeth Buchmann, “Gemeinschaftliche Kunstpraktiken im öffentlichen Raum: Das ‘Rose Valland Institut’ und andere Projekte” / “Community Art Practices in Public Space: The ‘Rose Valland Institute’ and Other Projects”

Berlin Mosse Lecture
https://mosselectures.wisc.edu/berlin/

Thursday, 9 May 2019, 19:15 CET

Sprachen des Politischen in Literatur und Kunst Plakat

Senatssaal of Humboldt University
Unter den Linden 6

1. Stock
10117 Berlin
GERMANY


Sponsored by:
[mosse] LECTURES an der humboldt-universität zu berlin
The Mosse Foundation
Global Mosse Lecture Series
Gerda Henkel Stiftung
Institut für deutsche Literatur
Humboldt University

Moderator: Elisabeth Wagner (Humboldt University)

Lecture Description: Das Rose Valland Institut ist ein interdisziplinär ausgerichtetes und unabhängiges künstlerisches Projekt. Es erforscht und dokumentiert die Enteignung der jüdischen Bevölkerung Europas und deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart. Benannt wurde es nach der Kunsthistorikerin Rose Valland, die während der Besatzungszeit in Paris die Plünderung der Deutschen in geheim gehaltenen Listen aufzeichnete. Nach dem Krieg arbeitete sie für die Commission de RécupérationArtistique (Ausschuss für die Rückführung von Kunst) und trug maßgeblich dazu bei, NS-Raubkunst zu restituieren.

Ausgehend von Maria Eichhorns vorherigen Ausstellungsprojekten Restitutionspolitik / Politics of Restitution (2003) und In den Zelten … (2015) widmet sich das Rose Valland Institut dem Themenbereich ungeklärter Eigentums- und Besitzverhältnisse von 1933 bis heute. Das Institut thematisiert Fragen zu Eigentum an Kunstwerken, Grundstücken, Immobilien, Vermögenswerten, Unternehmen, beweglichen Objekten und Artefakten, Bibliotheken, wissenschaftlichen Arbeiten und Patenten, die in der NS-Zeit jüdischen Eigentümer*innen in Deutschland und in den besetzten Ländern entwendet und bis heute nicht zurückgegeben wurden.

Maria Eichhorns Rose Valland Institut ist ein signifikantes Beispiel für künstlerische, kuratorische und wissenschaftliche Kollaborationen, die über klassische Konzepte der Interdisziplinarität hinausgehen: Kollaborationen, die sich entgegen moderner Funktionstrennungen aus miteinander vernetzten, situativ interagierenden Projekt- und Organisationsformaten zusammensetzen. In Weiterentwicklung institutionskritischer Praktiken der 1990er Jahre verbinden sie künstlerische, wissenschaftliche, edukative und gesellschaftspolitische Agenden auf eine Weise, die zugleich die »Erscheinungsbilder« (Hannah Arendt) kultureller Öffentlichkeiten mitverändert. Auffällig in diesen Inszenierungen ist ihre Affinität zu einer sich im kollektiven Lernprozess erprobenden Gemeinschaft, die das moderner Kunst anhaftende Image des Elitären und Exklusiven konterkariert. Charakteristische Displays sind, neben Archiven und Bibliotheken, an Theater- und Parlamentsarchitektur angelehnte Tribünen und Versammlungsräume: Augenscheinlich dazu angetan, den Raum der Kunst durch demokratische Interaktions- und Kommunikationsformen zu erweitern. Es stellt sich die Frage, ob und auf welche Weise die Idee temporär kooperierender Institutionen die Funktion der modernen Kunstausstellung auf Dauer transformieren kann: Das betrifft nicht zuletzt das angesichts neoliberaler Prinzipien der Austerität und Evaluierung veränderte Spannungsverhältnis zwischen ästhetischer Autonomie und »common goods«.

Lecture Series Description: The loss of trust in representative democracy and its institutions combined with multimedia disinformation campaigns nurtures the desire for active democracy and good government beyond elections: active in negotiating its own contradictions and conflicts and focused on demands for social justice and cultural identity. In contrast to politics, literature and art can articulate what Wittgenstein once called ‘the environment in which an interchange takes place’: the ‘political’ located in particularity and difference, in everyday perception and behavior. Individual experiences and events find expression in images, in body language, which addresses something intangible that can be thought or felt without being fully available. The agenda proposed by literature and art does not get exhausted in critique or compensation of prevailing Realpolitik. Beyond privileged knowledge, it rather invokes proximity to everyday experiences of alienation and discrimination, which produce gestures of rebellion and resistance, as Georges Didi-Huberman has called up in art and photography. In the current literature on memory and experience, in the narratives of Édouard Louis, writing itself becomes a site of violence and reading turns to a disturbing encounter with the unbearable and the unsayable. Interactive artistic experiments in public space destabilize self-evident and self-assured habits and convictions. The anti-capitalist investigations and interventions in the art world itself (Maria Eichhorn’s Documenta projects) find special attention. Adorno’s Aesthetic Theory with its thesis that art is both autonomous and fait social gains a new purchase today, in Juliane Rebentisch’s discussion of the political in the practices of performances and exhibitions.

Sabeth Buchmann: Kunsthistorikerin und –kritikerin; Professorin für die Kunst der Moderne und Nachmoderne an der Akademie der bildenden Künste in Wien; zahlreiche Beiträge zu Kunst, Kunstausstellungen und zur Kunstökonomie; im Beirat der Zeitschrift Texte zur Kunst;neuere Veröffentlichungen u.a. Denken gegen das Denken. Produktion –Technologie – Subjektivität (2007), mit Kai von Eikels, Alexandra Kleihues u.a.: art works: Ästhetik des Postfordismus (2016), Mithg.: Putting Rehearsals to the Test (2016).

Maria Eichhorn: Künstlerin, lebt in Berlin; thematisiert in ihren Projekten Fragen der Kunstproduktion und der Kunstrezeption, Fragen des Eigentums sowie der kollektiven und kosmopolitischen Erinnerung; zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, u.a. 45. und 56. Biennale Venedig (1993, 2015), Documenta11 (2002, Maria Eichhorn Aktiengesellschaft), Lenbachhaus München (2003, Restitutionspolitik), documenta 14 (2017, Athen, Building as Unowned Property und Kassel, Rose Valland Institut); in einem Beitrag zur Publikation der Mosse-Lectures über Korruption (2010 hg. von Elisabeth Wagner und Burkhardt Wolf) veröffentlichte sie eine künstlerische Recherche Um den Fall Rod Blagojevic.

Elisabeth Wagner completed her PhD in Art History at the Free University of Berlin in 1997, the same year she co-founded the Mosse Lectures at Humboldt University. She is the author of Die Mosse-Frauen: Deutsch-Jüdische Lebensgeschichten (2024) and is active as a research associate at Humboldt University.

Photo credit: Niels Leiser for the Mosse Lectures

mosselectures Berlin