2024: Hartmut Böhme: “Schlaf der Vernunft: Zur politischen Deutung von Müdigkeit, Schlaf, Schlafwandeln, Traum und Erwachen” / “Sleep of Reason: On the Political Interpretation of Fatigue, Sleep, Sleepwalking, Dreams, and Awakening”

Hartmut Böhme, “Schlaf der Vernunft: Zur politischen Deutung von Müdigkeit, Schlaf, Schlafwandeln, Traum und Erwachen” / “Sleep of Reason: On the Political Interpretation of Fatigue, Sleep, Sleepwalking, Dreams, and Awakening”

Humboldt University Berlin Mosse Lecture
mosselectures.wisc.edu/berlin/

Thursday, 11 January 2024, 19:15 CET

Sleep Modes poster
Sleep Modes flyer
Sleep Modes flyer

Auditorium of the Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum
Geschwister-Scholl-Str. 1-3
10117 Berlin
GERMANY

Sponsored by:
[mosse] LECTURES an der humboldt-universität zu berlin
The Mosse Foundation
Global Mosse Lecture Series
Institut für deutsche Literatur
Humboldt University

Moderator: Ulrike Vedder (Humboldt University)

Lecture Description: Ausgehend von Francisco Goyas Capriccios zum »Schlaf der Vernunft« werden wesentliche Zustände sowie Grenzphänomene des Schlafes untersucht. Nach einer überblicksförmigen Sicherung der wesentlichen Phänomene des Schlafes werden die semantischen Felder skizziert, die dazu geführt haben, dass Erscheinungsweisen und Praktiken des Schlafes metaphorisch gedeutet wurden. Dadurch wurden z.B. Müdigkeit, Schlaf, Schlafwandeln, Traum und Erwachen, die eigentlich leibliche und phantasmatische Zustände oder Vorgänge sind, zu ›Quellgebieten‹ von Metaphern: diese fügten den politischen Zuständen oder Handlungen kulturellen ›Sinn‹ hinzu. So wurden dem politischen System Bedeutungsebenen implantiert, welche die Begrenzung des Politischen auf das Bewusste und Diskursive als definierende Merkmale der Politik infragestellen oder gar aufheben. Halluzinatorische oder somnambule Kollektiv-Zustände gehören demnach ebenso zum Politischen wie traumartige Illusionen oder eine erschöpfende Fatigue von je einzelnen Subjekten. Aber auch politische Aufbruchsbewegungen können als ‚Erwachen‘ aus einem allgemeinen Zustand des Dämmerns und des Unbewussten gedeutet werden. Im 20. Jahrhundert wurden die pharmazeutischen und toxischen Mittel entscheidend, die sämtliche Ebenen und Grenzzustände des Schlafes in ein ‚Regime‘ verwandeln. Hat diese ‚Verkünstlichung‘ des Schlafes und des Wachens auch eine regulative, womöglich anästhetisierende und manipulative Kraft im Politischen entwickelt? – Naturwissenschaftliche Perspektiven auf den Schlaf werden hier nicht zum Thema. Vielmehr werden Spuren der Sprache und der kulturellen Imagologie verfolgt, welche unsere Sicht auf die Politik erweitern können.

Starting from Francisco Goya’s Capriccios on the “Sleep of Reason,” the lecture will examine essential states as well as border phenomena of sleep. After an overview of the essential phenomena of sleep, the semantic fields are sketched that have led to the metaphorical interpretation of the manifestations and practices of sleep. Thus, for example, fatigue, sleep, sleepwalking, dreaming, and awakening, which are actually bodily and phantasmatic states or processes, became ‘source fields’ of metaphors: these added cultural ‘meaning’ to political states or actions. In this manner, levels of meaning were implanted in the political system that challenged or even abolished the limitation of the political to the conscious and discursive as defining markers of politics. Hallucinatory or somnambulistic collective states thus belong to the political just as much as dream-like illusions or an exhausting fatigue of individual subjects. But also political awakening movements can be interpreted as ‘awakenings’ from a general state of twilight and unconsciousness. In the twentieth century, pharmaceutical and toxic agents became crucial, transforming all levels and borderline states of sleep into a ›regime‹. Has this ‘artificialization’ of sleep and wakefulness also developed a regulative, possibly anesthetizing and manipulative force in the political? Natural scientific perspectives on sleep do not become the subject here. Rather, traces of language and cultural imagology are pursued, which can broaden our view of politics.

Lecture Series Theme: Sleep Modes. Über Wachen und Schlafen./Sleep Modes. On Waking and Sleeping.

Lecture Series Description: With reliable regularity, humans take themselves out of the world; they spend a third of their lives asleep. During this time, we are like “unborn,” Sigmund Freud once wrote. “Every awakening is then like a new birth.” And vice versa, it might be added: With each birth begins a lifelong relationship with sleep and awakening. A look into the history of sleep reveals that this relationship is neither “natural” nor free of complications, but is closely related to the sleep cultures of their times. How children are introduced to a sleep rhythm suitable for everyday life; what is imagined by good or healthy sleep; how sleep disorders are dealt with, and how sleep is medically monitored and promoted, has varied historically.

Since the late 19th century, sleep has become the focus of collective attention. Developments such as the mechanization of work and the invention of electric light abolished the traditional division into daytime work and nighttime rest – work could now theoretically be done at any time. In this context, sleep appeared to be a questionable necessity that needed to be understood, researched, optimized or even overcome. The surveying and economization of sleep initiated at this time by entrepreneurs, doctors and sleep researchers continues to this day and has increasingly become a self-technique: with the help of special apps, we can precisely monitor the rhythm and quality of our sleep; sleep meditations are designed to help us fall asleep; medicines and sleep therapies are available for nocturnal restlessness.

In the winter term 2023/24, the Mosse Lectures will explore the economic, cultural, and political significance of sleep and its counterpart, insomnia: Where does the unbroken fascination with sleep stem from, and what challenges are still associated with its scientific and artistic exploration? How has sleep been politically metaphorized and what role does it play in narratives of individual and political passivity? Under which circumstances can sleep become an emancipatory act of resistance to the demands of a society focused on maximizing performance and efficiency?

Mit verlässlicher Regelmäßigkeit nimmt der Mensch sich raus aus der Welt; ein Drittel seines Lebens verbringt er schlafend. Während dieser Zeit sind wir wie „ungeboren“, schreibt Sigmund Freud einmal. „Jedes Erwachen ist dann wie eine erneute Geburt.“ Und umgekehrt, so ließe sich hinzufügen: Mit jeder Geburt beginnt eine lebenslange Beziehung zu Schlaf und Erwachen. Dass diese Beziehung aber weder nur „natürlich“ noch komplikationsfrei verläuft, sondern aufs Engste an die Schlafkulturen ihrer jeweiligen Zeit gebunden ist, offenbart ein Blick in die Geschichte des Schlafs. Wie schon Kinder an einen alltagstauglichen Schlafrhythmus herangeführt werden, was man sich unter einem guten bzw. gesunden Schlaf vorstellt, wie mit Schlafstörungen umgegangen und Schlaf medizinisch überwacht und gefördert wird, unterliegt historisch veränderlichen Vorzeichen.

Spätestens im ausgehenden 19. Jahrhundert rückte der Schlaf in den Fokus der kollektiven Aufmerksamkeit: Infolge einer Reihe gesellschaftlicher Umbrüche, unter anderem die Mechanisierung der Arbeit und die Erfindung des elektrischen Lichts, wurde die Einteilung in Tagwerk und Nachtruhe prinzipiell obsolet – gearbeitet werden konnte nun theoretisch zu jeder Zeit. Schlaf erschien vor diesem Hintergrund als eine befragenswerte Notwendigkeit, die es zu verstehen, beforschen, optimieren oder auch zu überwinden galt. Die in dieser Zeit von Unternehmern, Ärzten und Schlafforschern angestoßene Vermessung und Ökonomisierung des Schlafs (Hannah Ahlheim) setzt sich bis heute fort, wobei sie zunehmend zu einer Selbsttechnik avanciert ist: Mithilfe spezieller Apps können wir den Rhythmus und die Qualität unseres Schlafs präzise überwachen; online abrufbare Schlafmeditationen sollen uns beim Einschlafen helfen; gegen nächtliche Unruhe stehen Arzneimittel und Schlaftherapien bereit.

Im Wintersemester 2023/24 möchten die Mosse Lectures die ökonomische, kulturelle und politische Bedeutung des Schlafs und seiner Gegenspielerin, der Schlaflosigkeit erkunden: Woher rührt die ungebrochene Faszination am Schlaf und welche Herausforderungen sind nach wie vor mit seiner wissenschaftlichen und künstlerischen Erkundung verbunden? Wie wurde Schlaf politisch metaphorisiert und welche Rolle spielt er für Erzählungen individueller und politischer Handlungsversäumnisse? Unter welchen Umständen kann Schlaf wiederum zu einem emanzipativen Akt des Widerstands gegenüber den Anforderungen einer Gesellschaft werden, die auf größtmögliche Leistungsbereitschaft und Effizienz ausgerichtet ist?

Photo credit: Niels Leiser for the Mosse Lectures

Hartmut Böhme: Literatur- und Kulturwissenschaftler, bis zu seiner Emeritierung Professor für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin; Böhme war Leiter verschiedener Forschungs-Projekte – unter anderem des Sonderforschungsbereichs Transformationen der Antike, des Graduiertenkollegs Codierungen der Gewalt im medialen Wandel; Gastprofessor an verschiedenen Universitäten in den USA und in Japan sowie Fellow am Internationalen Kolleg für Kulturtechnikforschung und Medienphilosophie in Weimar und am kulturwissenschaftlichen Institut Essen; zu seinen Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten gehört neben der Kulturtheorie und der Literaturgeschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert die Kulturgeschichte seit der Antike, die Theorie und Geschichte des Fetischismus, die Wissenschafts- und Bildgeschichte und die historische Anthropologie und Psychohistorie.

Literary and cultural scholar, until his retirement professor of cultural theory and history of mentality at the Humboldt University Berlin; Böhme was head of various research projects – including the collaborative research center Transformations of Antiquity, the research training group Codings of Violence in Medial Change; visiting professor at various universities in the U.S. and Japan, as well as fellow at the international College for Cultural Technology Research and Media Philosophy in Weimar and at the Institute for Cultural Studies in Essen; his research and work focuses on cultural theory and literary history from the 18th to the 20th century, cultural history since antiquity, the theory and history of fetishism, the history of science and images, and historical anthropology and psychohistory.

Professor of modern German literature at Humboldt University, Berlin, since 2009, Ulrike Vedder studies contemporary literature, gender studies, generations, and near-death experiences. Among other works, she is the author of Geschickte Liebe. Zur Mediengeschichte des Liebesdiskurses im Briefroman „Les Liaisons dangereuses“ und in der Gegenwartsliteratur (2002) and editor of Gender und Genre. Essayistik deutschsprachiger Autorinnen (2025). She also serves on the editorial board of Zeitschrift für Germanistik.

mosselectures Berlin